Auch der Chef lernt nicht aus

Christian Mitter (links) lässt sich von Heinz Tischler die neuen Kommunikationsmittel erklären. Foto: Corinna Igler

Christian Mitter ist derzeit dabei, die Homepage seiner Rechtsanwaltskanzlei zu  überarbeiten. Neue Medien wie Facebook oder Twitter nutzt er noch nicht. Die Betonung liegt auf „noch“. Schließlich lernt auch ein Chef nie aus, weiß Heinz Tischler, Leiter der Volkshochschule in Kronach. „Kein Leben ohne lebenslanges Lernen“, steht auf einer der Folien seiner Powerpoint-Präsentation.

Er referiert am Mittwoch beim Unternehmermittagessen des Bundes der Selbständigen über „Lebenslanges Lernen als (Über-)Lebensversicherung – gerade auch für kleine und mittlere Unternehmen“ und legt dabei erschreckende Zahlen vor: Jeder zweite Beschäftigte in Deutschland hält seine Qualifikation für ausreichend. Als weitere Gründe für die Nichtteilnahme an beruflichen Weiterbildungen würden genannt: keine Förderung durch den Betrieb. Oder: imausgeübten Beruf nicht vorgeschrieben. Die Teilnehmerquote, bezogen auf die Unternehmen, dieWeiterbildungen anbieten, liege unter 40 Prozent, ist Tischler entsetzt. Viel zu wenig – gerade in dieser Zeit.

Tischler bringtmit dieser die Internationalisierung, die immer schneller werdende technische Entwicklung und nicht zuletzt die demografische Entwicklung in Verbindung. In einer solchen Zeit müsse man damit rechnen, ständig etwas anderes zu tun, ständig zu lernen. Die Wissensmenge verdopple sich alle fünf Jahre. Tischler nennt das eine regelrechteWissensexplosion.

Zur Folge habe dies, dass die Marktteilnehmer einer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft nicht mehr nur auf gute, sondern auch innovative Produkte angewiesen sind, die sie noch schneller auf den Markt bringen müssen als der Mitbewerber. Und das bei den Herausforderungen des demografischen Wandels, der fehlende Zahlen an Auszubildenden sowie eine steigende Wechsel- und Abbrecherquote mit sich bringt. Die Folgen? Erstens der Verdrängungswettbewerb zwischen Industrie und Handwerk und zweitens: der Fachkräftemangel trotz einer hohen Quote Arbeitssuchender.

Die Frauen und Männer, die dem Vortrag im Turnerheim lauschen, nicken. Sie kennen das, schließlich sind sie der Mittelstand im Landkreis. Christian Mitter berichtet von einem Fall, bei dem ein Mädchen seine Ausbildung in einem Betrieb nicht beenden hat wollen und die Eltern einen anderen finden wollten, in dem die Tochter die begonnene Ausbildung beenden könne. „Aber das Mädchen wollte das nicht, sie wollte lieber in die Produktion“, spielt er darauf an, dass viele heutzutage eine Ausbildung wohl für nicht mehr so nötig halten – insbesondere, wenn man sieht, mit welchen Geldern die Industrie lockt.

Tischler hält vor allem eine breite Basisbildung heutzutage für notwendig. Zudem brauche es eine neue Lernkultur. „Lebenslanges Lernen muss selbstverständlich werden“, appelliert er. Es gelte, Mitarbeiter zu „upgraden“, also auf eine höhere Wissensstufe zu bringen. Zudem müssten bei einer immer älter werdenden Bevölkerung die Rahmenbedingungen für ein längeres Arbeitsleben verbessert werden, unter anderem indem man die Mitarbeiter durch Qualifizierungen „up to date“ hält, ihr Erfahrungs-know-how nutzt und anerkennt und nicht zuletzt die körperliche und mentale Gesundheit berücksichtigt.

Durch den Einsatz moderner digitaler Medien könne man Qualifizierung heute noch flexibler gestalten – nämlich unabhängig von Zeit und Ort. Und genau das will der Bund der Selbständigen in Kooperation mit der Volkshochschule tun: „ChefzuBi“ – Chef zur Bildung, heißt das Projekt. Ziel ist es, den Bildungsprozess in den Unternehmen unter Nutzung zeitgemäßer Kommunikationsmittel – wie Facebook und Co – nachhaltig zu begleiten. „Wir wollen Ihnen zeigen, wie Sie soziale Netzwerke für Ihre Unternehmenskommunikation nutzen“, so Tischler. Dazu gibt es am 7. März ein Präsenzseminar. Danach wird das Wissen in drei Webinaren vermittelt und individuelle Fragen werden durch E-Mail-Coaching beantwortet.

Und spätestens danach werden Christian Mitter – und die anderen Unternehmer – auch Facebook undTwitter für sich zu nutzen wissen. Man lernt eben nie aus.

Quelle: Fränkischer Tag Kronach, 31.01.2013 - Text und Bild: Corinna Igler

04.06.2013

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