Der neue Weg der Arbeitgeber

In 16 Jahren wird die Zahl der Arbeitnehmer um rund zwölf Prozent sinken. Wohl dem, der jetzt schon auf eine familienfreundliche Unternehmenspolitik setzt. Im Landkreis haben einige die Situation erkannt und steuern dagegen.

Christian Mitter weiß, wovon er spricht. Als Vater von drei Kindern und als Fachanwalt für Arbeitsrecht sowieso. Seine Frau ist Richterin in Bayreuth. „Ich habe mitbekommen, was es für uns bedeutet hat, Vollzeit tätig zu sein und gleichzeitig es unseren Kindern an nichts fehlen zu lassen“, sagt Mitter.  Und als er sich 2010 in Kronach mit einer eigenen Kanzlei selbständig machte, seine Mitarbeiterinnen gefunden hatte, die meisten mit Kindern und dem Wunsch zur Teilzeitarbeit, wurde die eigene Erfahrung zum Praxismodell.

Auf der anderen Seite bekommt er von seinen Mandanten mit, wie wichtig Personalentwicklung und -führung für die Geschicke in einem Unternehmen sind. Insbesondere bei kleinen und mittelständischen Firmen, die in der Regel nicht über eine eigene Personalabteilung verfügen.

Das Bewusstsein für die Bedeutung einer familienfreundlichen Unternehmenspolitik war also schon da. Wie diese konkret gestaltet werden könne, dafür habe er sich für die Beratungsinitiative „Mit Elternkompetenz gewinnen“ des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales  entschieden. „Der nächste Schritt ist, Möglichkeiten zu suchen, wie sich die Mitarbeiter noch in der Kanzlei entwickeln können“, sagt Mitter. Ungefähr sechs Monate werden ihn die Berater begleiten. Nach einer ersten Bestandsaufnahme werden dann Ziele erarbeitet.  Immer auf Familienfreundlickeit ausgelegt. Individuelle Arbeitszeiten und Flexibilität in Bezug  auf  den Arbeitsort  seien dabei die Hauptpunkte, sagt Nina Wernthaler, die als Firmencoach in dem Projekt etwa 20 Unternehmen betreut. Das wichtigste sei jedoch , immer im Gespräch zu sein. Was braucht, was will der Mitarbeiter und was kann man machen? Ist beispielsweise die Präsenzkultur noch zeitgemäß? Kann das Unternehmen die Mitarbeiter bei der Suche nach Kinderbetreuungsplätzen unterstützen oder auch bei der Pflege von Angehörigen? Wie können die Karrieren von Frauen gefördert werden?

Roland Beierwaltes, Geschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), wollte sich und sein Unternehmen auf  den Prüfstand stellen, als er sich für die Beratung entschied: „Wir wollen schauen, wie weit wir denn mit unserem Thema Familien und Beruf sind, gerade wenn wir den Anspruch haben, das anderen Unternehmen beizubringen“, sagt Beierwaltes.

Schließlich seien die Leistungen im Betrieb auch besser, wenn die familiären Herausforderungen gut organisiert wären. In den nördlichen Landkreisen arbeitet das BRK bereits mit Kindergärten zusammen. Eigene Krippenplätze für etwa zwölf Kinder in einem der Mehrgenerationenhäuser sind in Planung. Die Stadt Kronach müsse dem noch zustimmen. In Zukunft werde das Thema Familienfreundlichkeit in den Unternehmen nicht mehr nur ein weicher Faktor sein, davon ist Beierwaltes überzeugt. Es werde zu einem harten Standortfaktor werden, der entscheidend dafür sei, Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten.

Vier Mitarbeiterinnen sind in Teilzeit in Mitters Kanzlei beschäftigt.  Von Beginn an wurde  flexibel gearbeitet. Die Öffnungszeiten wären immer ausgefüllt gewesen, ab 15 Uhr eben nur noch mit eingeschränkter Mannschaft. Wenn der Anruf aus der Schule kam, konnte die Mutter immer gehen. „Auch wenn es hieß, dass ich selbst Telefondienst machen musste“, sagt Mitter. Für die Kinder, die eigenen und die der Angestellten, wurde in der neuen Kanzlei ein Kinderzimmer für Hausaufgaben und Ähnliches eingerichtet. Obwohl er noch am Anfang der Betreuungsinitiative stünde, der Umzug in die neue Kanzlei brachte den Zeitplan ein wenig durcheinander, habe er bereits eine Sache gelernt: „Ich habe das Potenzial gar nicht gesehen, was man zusammen entwickeln kann.“ Es wurden erstmals Perspektivgespräche geführt, die auf die Zukunftspläne der Mitarbeiter ausgerichtet waren. Eine Rechtsanwaltsfachangestellte könne beispielsweise zur Kanzleivorsteherin aufsteigen. Eine Bürokraft, wie Tanja Kotschenreuther, zur Rechtsanwaltsfachangestellten. Mitter habe es ihr bereits angeboten, sie dabei zu unterstützen. Im Moment ist die Mutter zweier pubertierender Kinder jedoch mit ihrer Position und ihrem Arbeitgeber, so wie es ist, zufrieden. Das ist wohl auch schon ein Gewinn.

12.05.2014

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